Rainer J. Hocher: Tot-Gelebt

© Rainer J. Hocher

Er gab sich selbst
gerne das Bild des
deutschen Charles
Bukowski, ruppig am
Telefon, lustig halb
betrunken, und total
blau stieg ihm der
Geist zu Kopf – nicht
immer im Einklang
seiner Mitmenschen. Bis
zu seinem Tod
publizierte er über ein
Dutzend Eigentitel,
gefüllt mit Lyrik,
Kurzgeschichten – und Romane sind auch darunter.

© Rainer J. Hocher

Zum Beispiel
der „Legale
Weg“, ein
Tagebuchroman
über seine
Ausreise
1988/89 aus der
DDR. Bislang
lebte die
Familie Hocher
recht unauffällig, doch der Reiseantrag zum
Besuch des gerade im Westen geborenen Neffen
wurde ohne Begründung abgelehnt. Nichts half,
weder Eingaben noch Beschwerden. Also legte die
Familie Hocher einen drauf und stellte einen
Antrag auf „ständige Ausreise aus der DDR“. Damit
begann der Spießrutenlauf.

Doch der Fokus liegt auf diesem Titel:
Tot-Gelebt.

In einem kleinen, heißen und staubigen Kaff in
Arizona/USA endet das „erste Leben“ des
Protagonisten. Wir schreiben das Jahr 1996. Vom
Peak Newman funkeln die Masten der Antennen im
Morgenglanz. Draußen sind zwei Hunde angekettet.
Die Sonne scheint warm, und es ist ein stiller,
friedlicher Freitagmorgen. Der Lauf des 7,65mm
SKS-Gewehrs zeigt anderthalb Zentimeter neben das
Herz. Ein Schuss ertönt. Dann kringelt sich
blauer Rauch in den Sonnenstrahlen, Staub
flimmert im Raum. Wie es dazu kommen konnte,
verrät der Erzähler in den 176 Seiten seines
stark autobiographischen Romans „Tot-Gelebt“.

Hocher beleuchtet ein
halbes Jahr seines Lebens,
dass ihn von Thailand an
die Westküste der USA
führte, und von dort nach
Picacho/Arizona. Zuerst
wirft er die Dollars wie
Konfetti aus dem Fenster.
Er leistet sich große,
braune, thailändische
Augen mit genügend Tiefe.
Seine Unterkünfte sind
exklusive, zumindest
geschichtsträchtige Hotels. In Phoenix bringt er
sein letztes Geld unter die Leute, dann
beschließt er im South Mountain-Park den ersten
Suizidversuch. Es will nicht gelingen.

Es ist ein einfacher, an gesprochene Sprache
gelehnter Stil, die Handlung steht fest. Wir
wollen nur noch wissen, wie es der Typ anstellt.
Er bekommt einen lausigen Job auf einer
Baumwollfarm der Huntington Construction Inc., er
findet gleichgesinnte Freunde und Freundinnen. In
den örtlichen Bars nennen sie ihn R.J. Er trinkt
Wein und Whiskey. Man kriegt fast das Gefühl, als
würde sich alles ergeben und enden wie es
begonnen hat. Und dann verfehlt er sein Ziel um
anderthalb Zentimeter.

Was ihn dazu trieb und warum er überlebte,
schildert Rainer J. Hocher in seinem Roman Tot
Gelebt. Hocher kennt die Szenerie über die er
schreibt, ob miese Jobs, billigen Schnaps oder
miese Frauen. Oft wird seine Ehrlichkeit als
falscher Ton verstanden, zu schnodderig, zu
vulgär. Gleichwohl ist der Roman ein Dokument
menschlichen Elends. Der Schriftsteller in der
Krise und das Leben auf der Kippe. Und doch
schafft es Hocher zu fesseln, vorausgesetzt, man
ist genauso schlimm dran.
Whiskey oder Wein zum
Aperitif ist obligatorisch, das Glück ist das
Ziel. Wer bleibt, verpasst den Zeitpunkt zu
gehen. Picacho ist ein Ort, an dem man nicht
einmal begraben sein möchte, und so beginnt das
„zweite Leben“ in Phoenix, und der Roman endet in
Frankfurt/Main in Germany.

* Rainer J. Hocher starb am 09. Mai 2012 an
Krebs. Vermutlich liegt er auf dem Friedhof in
Kalletal-Stemmen.

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