Wie man keinen Roman schreibt

Dieses Thema ist weitgehend unbekannt. Man sollte
meinen, wer keinen Roman schreibt, weiß darüber
zu berichten. Doch Ratgeber, Tipps und Aufsätze
sucht man (beinahe) vergebens. Der gescheiterte
Literat erklärt seinen Misserfolg gewöhnlich so:
Ich bin nicht daran schuld. Es sind die Verleger,
bzw. das fehlende und kaufende Publikum.

Joseph Joubert, ein französischer Essayist und
Moralist des 19. Jahrhunderts, notierte in seinen
über 200 Journalheften: „Ich bin wie Montaigne
ungeeignet für den fortlaufenden Gedankengang
…“ Was ihn davon abhielt je ein Buch zu
veröffentlichen. Diese Kunst, nämlich kein Buch
zu schreiben, perfektionierte er bis zu seinem
Tod 1824.

Heutzutage ist das Publizieren für jedermann eine
triviale Sache, auch wenn es oft unbeachtet
vollzogen wird. Rechtschreibprogramme übernehmen
das Lektorat, Designvorlagen erledigen das
Layout, und wer auf Papier verzichten will,
bevorzugt das E-Book. Bereits ein Blogeintrag
könnte Millionen Leser/Käufer generieren – wenn
es nicht schon so viele gäbe. Die Fähigkeit, sich
am Markt zu etablieren, wird durch die Fülle der
Möglichkeiten zu einem Marketing-Problem. Wer die
prostituierenden Werbemaßnahmen der Branche
ablehnt und deswegen abgelehnt wird, wer die
sozialen Medien ignoriert und auch sonst keine
Lust hat statt als Schriftsteller wie ein
Schauspieler zu agieren, wird die unangenehme
Erfahrung machen, nur am Rande einer
Veröffentlichung zu stehen.

Am besten beginnt man damit, im Text keinen roten
Faden zu haben. Selbst das Genre sollte egal
sein. Kommt die Idee zu einem Mord, wird es eben
ein Krimi. Verläuft man sich in einer
spezifischen Thematik, wird es ein Sachbuch.
Natürlich ist diese Art und Weise nicht neu, man
findet sie in jedem Tagebuch. Joseph Joubert
schrieb für sich,
trotzdem tat er es nicht
ausschließlich im Verborgenen, seine Freunde
drängten, er solle doch das eine oder andere in
Druck geben. Vergeblich. Joubert notierte was ihm
durch den Kopf ging, nach draußen gelangten nur
seine Briefe. Erst 1938 erschienen sämtliche
Journale in einer Komplettausgabe; 1300 eng
bedruckte Seiten. Ein Sammelsurium voller
Gedanken, Anfängen, Kostproben, Essays,
Eindrücken und Fragmenten. „Vorzügliche
Schriftsteller schreiben nur wenig, weil sie viel
Zeit brauchen, um ihren Reichtum und ihren
Überfluss zu ordnen, zu verdichten und als
abgeschlossene Kunstwerke hinausgehen zu lassen.“

Wie schreibt man nun keinen Ratgeber über das
Scheitern des Schreibens – möglichst in
Romanform? Reicht ein gefüllter Zettelkasten aus?
Ja, und nach dem Weglassen eines Fadens öffnet
sich die Phantasie, sodass man am Ende sagen
kann: Eigentlich sollte aus der Kirschtorte ein
Streuselkuchen werden. Am Ende der literarischen
Kette steht der Leser, und um ihn permanent zu
verfehlen, mit Nichtveröffentlichungen zu
strafen, muss der Autor den Weg des größten
Wiederstandes gehen. Der Leser als Wagnis,
immerhin weist er ein breites Spektrum an
Intelligenz auf. Der Lektor als Feind, jeder
Kompromiss, jede Prostitution erhöht das Risiko
gedruckt zu werden. Der Schreibstil ist
unerheblich – solange man nicht an Legasthenie
leidet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.