Max und Marie

Der Quantenradierer zieht seine
Bahnen. Gewöhnlich gilt er
wegen seiner Verschränkung als
räumlich. Wird er auch in der Raumzeit gleiten können, also
von der Gegenwart in die
Vergangenheit? Max Quant
jedenfalls, den man soeben bei einem
Doppelspaltexperiment identifiziert hat, blickt
erstaunt auf sein Interferenzmuster.

Eigentlich sollte Max alle Spuren des Experiments
gelöscht haben, weil er und seine Sippschaft
gemessen wurde, aber seltsamerweise lässt sich
nun aus den Informationen herauslesen, dass er
sogar mit Überlichtgeschwindigkeit unterwegs
gewesen war. Folglich, denkt Max, habe ich mich
auch verschränkt, und wenn, denkt er weiter, ist
mein Partnerteilchen mit mir verbunden, egal wie
weit wir voneinander entfernt sind. Max irrt
durch den Teilchenbeschleuniger.
Unterdessen
fliegt Marie, ein geschwätziges Photon, durch den
Planetengürtel einer fremden Galaxie. Würde man
sie lokalisieren, wäre sie gute 1,2 Millionen
Lichtjahre entfernt. Das heißt, schriebe Max ihr
eine SMS, würde Maries Antwort erst in 2,4
Millionen Jahren ankommen. Für eine Beziehung
definitiv zu lang, doch die Tatsache, dass Max
die Allgemeine Relativitätstheorie ausgehebelt
hatte, bringt Marie ins taumeln, sie spürt
plötzlich die Wirkung des Alkoholkonsums, dem
sich Max gerade hingibt.

Das Wesen der Quantenphysik ist ihre
Unbestimmtheit, Typen wie Max und Marie können
auf hohe Entfernungen hinweg interagieren, und
zwar dermaßen schnell, dass dabei sogar die
Vergangenheit ausradiert werden kann. Faktisch
ist die Lichtgeschwindigkeit eine feste
Konstante, sagte jedenfalls Albert Einstein, doch
diese beiden Teilchen sind in der Lage
augenblicklich Neuigkeiten auszutauschen, mit dem
Resultat, dass sie die Zeit überholen.

Max trinkt gerade Genever, ihm wird schwindelig,
er schleudert, und plötzlich krümmt sich das
Licht. Er könnte den Kalender bemühen um zu
wissen, in welchem Jahr er gelandet ist, dann
sieht er Marie – so unschuldig wie vor 10 Jahren.
Für ein Teilchen war sie ausgesprochen hübsch,
rothaarig und mit elementaren Eigenschaften.
Damals hatte er sie unkonventionell
kennengelernt, eine Kollision ergab die andere,
man traf sich und die Dinge nahmen ihren Lauf.
Seitdem irren die beiden durch den Raum, weit weg
und doch einander ausgeliefert, denn jeder weiß
sofort, was der andere tut. Jetzt steht Max
wieder vor der Ausgangssituation, würde er nicht
reagieren, blieben alle Ereignisse ungeschehen.
Marie lächelt.

Wenn nichts
passiert, wird
auch nichts
geschehen. Max
lässt sich alle
Zeit der Welt
und
rekapituliert,
denn sobald er
ebenfalls lächelt, hat ihn die Zeit eingeholt.
Wie war es damals? Es war eine Sammlung von
Wechselwirkungen, ups und downs, Marie zog eine
Leuchtspur durch die dunkle Energie, verschwand
manchmal hinter der Oortschen Wolke, um sich
hübsch zu machen, während er Regionen bevorzugte,
die von Ethanol-Molekülen heimgesucht wurden.
Maries Heimatgalaxie lag in der südlichen Sphäre,
und um sie zu besuchen, musste er durch unzählige
Sonnensysteme. Jede Reise und jedes Treffen wurde
zur Strapaze. Max hätte nun die Möglichkeit alle
Informationen zu löschen, aber dann wären auch
die schönen Momente weg. Zum Beispiel jene, in
denen Harmonie und kein Chaos herrschte. Marie
lächelt.

Einmal beschlossen die beiden einen gemeinsamen
Urlaub. Sie entschieden sich für den südlichen
Teil der Milchstraße, den wärmeren Teil, ungefähr
anderthalb Lichtjahre entfernt. Dort fanden sie
ihren Ruhepol, das zeitlose rumsitzen, das
Betrachten der auf- und abgehenden Sonnen, die
atomare Brise, die Wellen der Elemente. Leider
war der Urlaub viel zu kurz, und sie trennten
sich wieder. Max kehrte zurück zum
Teilchenbeschleuniger, Marie trieb sich mit
Neutrinos rum. Ohne Informationsgehalt ist man
dem Nichts ganz nahe, dann spielt man in der
Materie keine Rolle. Diese verrückte Quantenwelt.

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