Das Gewissen zu Weihnachten

Mehr als
600. 000
Organisationen
sammeln in
Deutschland
Geld ein. Rund
16,5 Millionen
Menschen haben
im Zeitraum
Januar bis
September 2018 an gemeinnützige Organisationen
gespendet. Der Deutsche Spendenrat erwartet bis
zum Jahresende ein Volumen bei deutlich über 5
Mrd. Euro.

Ist darin ein Ablasshandel zu Weihnachten
erkennbar? Die großen Hilfsorganisationen wie
Amnesty, DRK, Caritas, SOS-Kinderdörfer oder
Unicef etc. verzeichnen in den letzten zwei
Monaten des Jahres einen gewaltigen Anstieg. Wenn
die hellen Tage kürzer und die Nächte kälter
werden, regt sich die Bereitschaft zum Mitgefühl,
besonders
in der Vorweihnachtszeit werden die
Bürger mit Aufrufen geradezu überhäuft. Nicht
selten werben Spendensammler auch direkt auf der
Straße oder an der Haustür.
Apropos Sammeln:
Ernsthafte Hürden dafür gibt es in nur drei
Bundesländern – in Rheinland-Pfalz, im Saarland
und in Thüringen braucht man dafür eine
Genehmigung.

Ideal aber ist der Überweisungsträger, um seine
Empathie auszudrücken. Er gilt als
Spendenquittung und ist steuerlich absetzbar. Die
prozentuale Verteilung des privaten
Geldspendevolumens errechnet sich im Jahr 2017
wie folgt: 77,7 Prozent werden für humanitäre
Hilfe gesponsort, der Rest fällt auf Tierschutz,
Kultur, Umwelt, Sport und Sonstiges. Was den
Organisationen Kopfzerbrechen bereitet, ist der
Trend, seinen Obolus an einen Zweck zu binden,
wie zum Beispiel 2004, als ein Erdbeben den
Südost-asiatischen Tsunami auslöste. Die
selektive Spendenbereitschaft der Menschen stellt
sie nämlich vor große Probleme: da das Geld
zweckgebunden ist, darf es nicht für andere
Projekte verwendet werden, wo es vielleicht viel
nötiger wäre.
Ärzte ohne Grenzen sagt heute: „Der
ideale Spender ist derjenige, der uns regelmäßig
zweckfrei unterstützt.“ Damals entschieden sie,
mehr als 100 Millionen Euro umzuschichten. Eine
Summe, die ohnehin das überstieg, was für den
Einsatz benötigt wurde. Ärzte ohne Grenzen bat
ihre Spender um die Erlaubnis, das Geld anders
auszugeben. Nur ein Prozent entschied sich
dagegen.

An wen und weshalb man sein Geld verschenkt, wird
medial und werbewirksam gesteuert. Dank der
Gütesiegel erwartet man Transparenz, was die
Gewissensfrage erleichtert: „letztes Jahr war es
Misereor, da hab ich den hungernden Kindern in
Afrika geholfen.“ Auch das Weihnachtsgeschenk entwickelt sich zum moralischen Instrument,
allerdings hofft man auf eine Gegenleistung. Die Spende aber ist scheinbar einseitig, sie treibt seltsame Blüten. Statt Krieg, Hunger und Not
finanziell zu lindern, sorgten sich einige Bürger
um den deutschen Staat. Das Schuldentilgungskonto
des Bundes erreichte 2018 die Rekordsumme von ca.
610.000 Euro. Dieses Konto existiert seit 2006, „auf vielfachen Wunsch von engagierten
Bürgerinnen und Bürgern“ eingerichtet, um
Staatsschulden abzubauen. Außerdem ist der Staat
nicht nachtragend, wer einzahlt, bekommt weder
ein Dankesschreiben noch eine Spendenquittung.
Die Überweisungen können nicht von der Steuer
abgesetzt werden, denn sie dienen, laut dem
Ministerium, „nicht gemeinnützigen Zwecken im
steuerlichen Sinne“.

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