Cry, cry, cry

Jedes Lied hat eine Geschichte. Im Mai 1945
hetzte Jim Beaver über die Church Alley. Er war
im Begriff Columbus zu verlassen. Er wollte raus
aus der Stadt, weg von dem Mädchen, das er
geglaubt hatte zu lieben. Sie wohnten im Sloppy
Motel, und während Jim tagsüber arbeitete,
vertrieb sich Kate die Zeit: Sie schlief bis
Mittag, ließ sich Essen und Getränke aufs Zimmer
bringen, und wenn er nach neun Stunden harter
Arbeit zurückkehrte, seinen blauen Overall auszog
und sich aufs Bett warf, schlüpfte sie in ein
neues Kleid und schminkte ihr Gesicht.

Jim wusste, wohin es Kate zog, sobald er nach dem
Abendessen vor dem Radio einschlief, dann ging
sie in die Stadt, dem Glanz und Trubel der Nacht
entgegen, während er es bis zum Bett schaffte und
heimlich weinte, weinte, weinte. Denn ihm war
klar, dass sie ihm morgens eine Lügengeschichte
erzählen würde, darüber wo sie gewesen war, was
sie getan hatte. Natürlich liebe ich dich, Daddy,
ich traf nur Johnson, er bat mich mit ihm zu
tanzen. Alles easy, Daddy.
Downtown Columbus
reihten sich die Restaurants an Stehimbissen,
Einzelhandelsgeschäften und schrägen Kneipen. Von
10 a.m. bis 22 p.m. herrschte fortwährend
Betrieb. Aber wer die ganze Nacht feiern und
trinken wollte, besuchte die Klubs. Jim hatte
eine klare Idee: Fleiß erzeugt Preis. Dadurch
lernte er das System kennen. Er beugte sich
krumm. Sie ging fröhlich ohne Geld raus, und kam
lustig mit Geld wieder. Ohne Frage, Liebe,
Schönheit, Hässlichkeit und Altersunterschied
spielten eine große Rolle. So konkret der Begriff
Liebe für Jim war, so abstrakt und
außergewöhnlich wendete ihn Kate an. Die Welt ist
voller Männer: einer vermittelt mir Sicherheit,
der andere fürs Gemüt, der nächste bespaßt mich,
einen für Sex, und strohdumm sollte er auch nicht
sein. Als sich Jim mit ihr eingelassen hatte und
sie ins Hotel zogen, übernahm sie ganz schnell
die Kontrolle. Jim wurde zum Pol der Sicherheit,
also sein Job und das Hotelzimmer. Am Samstag
gaben sich beide zugetan, er, um sie nicht zu
verlieren, sie, um sich aus Bequemlichkeit keine
neue Bleibe suchen zu müssen. Kate konnte hier
morgens reinkommen – er auf dem Weg nach draußen
– und wissen, dass die Miete wöchentlich bezahlt
wird. Kate benutzte ihre Schönheit zweckmäßig.
Mit der Wahrheit hielt sie es ähnlich. Sie log,
log, log. Was das Zeug hielt.

10 Jahre später, März 1955, als Jim Beaver längst
Manager einer Sears Reobock-Filiale in Memphis
war, liefen ihm drei Typen über den Weg: ein
Vertreter, ein Mechaniker, und ein Autoverkäufer.
Man traf sich beim Bier und fand heraus, was
jeder machte und mochte. Zwei von ihnen tourten
nach Feierabend durch die Bars und nannten sich
Tennessee Two, Lead- und Bassgitarre, der Dritte
hieß Johnny Cash, und war erst kürzlich zu ihnen
gestoßen. Jim Beaver traf Cash, Perkins und Grant
öfter auf dem Weg zu Aufnahmen im Sun-Studio,
wenn die Drei mit einem alten Ford herkamen und
lange rumstanden, redeten und rauchten, bevor sie
durch den Hintereingang reingingen.
Jim hatte gut gegessen, das dritte
Porterhousesteak, gut runtergespült, und die
Bilanz des Tages konnte sich sehen lassen. Er
schlenderte die Union-Street etwas hoch, dann
wieder runter. Ein Auto hupte. Er winkte. Das
Auto hielt, und jemand lachte ihn an. Man ging
rüber ins nächste Restaurant. Cash und Beaver
saßen bis Mitternacht zusammen, von einem Bier
zum anderen, sie erzählten, erzählten, erzählten.
Cash fragte
irgendwann: Hattest du mal
Liebeskummer? Jim dachte nach, denn seit er eine
Sears-Roebock-Filiale leitete, hatte er keinen
Grund zu weinen, auf keinen Fall wegen einer
Frau. Aber Cash wollte eine Unglücksgeschichte
hören – um seine eigene zu rechtfertigen, doch
hauptsächlich, weil die Glücksgeschichten die
Countrymusik dominierten und er vom Gegenteil
singen wollte. Dann erinnerte sich Jim an Kate
aus Columbus und fasst seine Gedanken in Worte.
Zum Schluss sagte er: Lauter Lügen, und für jede
Lüge, die sie mir erzählte, wird sie viele Tränen
vergossen haben. Every question that I ask I get
a lie, lie, lie. For every lie you tell you’re
gonna cry, cry, cry.
Vier Wochen danach saßen Cash, Perkins und
Marshal Grant im Sun-Records-Studio und Sam
Philips hörte zu. Er brauchte eine B-Seite für
Hey Porter. Nach 35 Takes war Cry, cry, cry
fertig. Der Song erreichte Platz 14 der Country
Billbord-Charts.

 

 

 

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