Her royal highness Hotel

Das Hotel mit
Adelsnamen in Phnom
Penh in Kambodscha
kostete zehn US-Dollar
pro Nacht und reiht
sich damit in die
Kategorie der teuren
Hotels, aber der Blick
nach hinten war weder
königlich noch
fürstlich.


Wir erreichten die Stadt nachts und merkten es
daran, dass die Straße plötzlich asphaltiert und
beleuchtet war. Staubschwaden und Schlaglöcher
hatten unsere Lungen und Bandscheiben arg
strapaziert, der Busfahrer schüttelte uns ein
letztes Mal durch, als er unsanft bremste und die
Türen öffnete. Endstation. Da wir die einzigen
Touristen waren, hielten sich die Rikscha- und
Mopedfahrer an uns, sie wollten nicht nur
befördern, egal wohin, sondern auch alles
mögliche verkaufen. Aber Mic winkte ab, und das
irritierte sie etwas, denn er zeigte die
landestypische Geste, die bedeutet, dass man
nicht belästigt werden will. Ich machte es ihm
nach – eine Drehbewegung mit der Hand, als würde
man eine Glühbirne einschrauben. Natürlich wurden
wir belästigt. Gesten ersetzen keine Sprache. Ein
Schlepper empfahl uns das zwei Straßen weiter
gelegene Hotel Her Royal Highness.

Wir checkten ein, er
wartete draußen. Das
Foyer sah aus wie eine
noble Zigarrenkiste.
Überall Holz, vom Boden
bis zur
Deckenvertäfelung,
lauter Holz in allen
Schattierungen.
Kopierte alte Gemälde
hingen an den Wänden,
flankiert von Palmen in
Tontöpfen, der Stil
entweder Kolonialzeit oder Khmer-Kultur, auf
jeden Fall königlich. Wir besichtigten unsere
Zimmer, seines lag am Anfang der Treppe, meins am
Ende des Flurs, und wurden nicht enttäuscht. Erst
Gestern hatten wir auf Holzkisten geschlafen,
denen man eine Wolldecke übergeworfen hatte, ohne
Klimaanlage und mit der allernötigsten
Ausstattung in minderer Qualität. Dieses Zimmer
war um die Hälfte teurer und dreifach besser.

Nach dem duschen traf ich Mic im Restaurant, wo
er einsam und verloren ein Bier trank. Zwei junge
Kellner eilten herbei, doch Mic wollte zum
Correspondent`s-Club, und Hunger hatten wir beide
nicht. Die Kellner blieben arbeitslos.

Draußen wartete der Schlepper. Wir dachten, er
hätte seine Provision nicht bekommen, so gab ich
ihm 5 US-Dollar. Ich weiß, das hätte ich nicht
tun dürfen, denn er sah es nun als seine Pflicht
uns zu folgen und, sobald nötig, mit Rat und Tat
zur Seite zu stehen. Vor dem Korrespondenten-Club
begann ich den zweiten Fehler, ich steckte ihm
noch zwei Dollar zu, schließlich wollten Mic und
ich uns nobel betrinken – wenn wir schon so
wohnten, das wird dauern. Damit war gesagt, dass
er ruhig nach Hause gehen kann, und das Geld
sollte für ein eigenes Besäufnis reichen.

Der Club der Korrespondierenden (FCC) ist ein
touristischer Hotspot, aber früher war es die
schreibende Zunft, die sich im FCC richtiggehend
einnistete. Zu Kriegszeiten liefen hier Fäden
zusammen und Telefondrähte heiß, Diplomaten,
Journalisten, Fotografen, Filmstars und
wagemutige Reisende begegneten sich beim Bier.
Seit der Krieg vorbei ist, wurden die Gäste
gewöhnlicher. Nur mit geschlossenen Augen kann
man sich die Vergangenheit vorstellen.

Gegen Mitternacht trieb uns ein gewisser Appetit
raus, einer auf die Garküchen der Straße, und
obwohl man sah, was zubereitet wurde, wusste man
nicht, was es war. Manchmal. Vor der Tür wartete
der Schlepper.

Mic meinte, wir hätten einen neuen Freund. Also
nahmen wir ihn mit zum Essen. Sein Englisch war
genauso rudimentär wie unser Khmer. Schon nach
drei Floskeln guckte er sehnsüchtig auf die
Hühnerbein-Suppe. Dabei gäbe es viel zu
besprechen, zum Beispiel, wo man jetzt Marihuana
herkriegt. Natürlich löste er das Problem, er
fragte den Koch, und der brachte uns fünf Minuten
später Gras, anschließend gebratenen Reis. Mir
schien, unser Freund hatte wieder keine Provision
bekommen. Diesmal fasst sich Mic ein Herz und
schob ihm fünf Dollar rüber. Deswegen folgte er
uns zum Hotel, vorbei an der Lobby, rein ins
Restaurant. Da hockte er neben uns, mit
leuchtenden, nüchternen Augen wie ein Lakai aus
der Kolonialzeit. Doch das
Restaurant hatte schon
geschlossenen, ich meine, wir saßen rum und
niemand kam. Mic rauchte und blies Kringel in die
Luft. Ich drehte einen Joint. Unser Freund
begriff schnell, er weckte das Personal der Lobby
– eine ältere Frau im Hinterzimmer – und sie
entriegelte den Getränkekühlschrank. Wir sollten
die leeren Flaschen auf dem Tisch lassen, die
würde sie morgen zusammenrechnen.

Als es eng wurde, stießen wir zum Absacker mit
einem teuren Corona-Bier an, und unser neuer
Kompagnon bekräftigte seine Freundschaft: er
würde Wache auf dem Flur schieben. Mic und ich
hatten andere Hirngespinste, bzw. reale Pläne,
wir wollten morgen weiter nach Sihanoukville.
Erneut flossen ein paar Dollars. Wir gingen hoch
und ließen ihn zurück. Ich schaltete die
Klimaanlage auf moderate 21 Grad, putzte mir die
Zähne, badete und rauchte zwei Joints. Trotzdem
raubte mir ein seltsames Geräusch den halben
Schlaf, es klang wie der Monolog eines
Buckelwals, dann wie das Fauchen einer hungrigen
Hyäne, um sofort das Kreischen einer Säge zu
imitieren. Unser Freund und Wächter pennte und
schnarchte im Flur.

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