Crispr

Bier ohne Alkohol gibt es schon, das Schnitzel
ohne Fleisch auch. Koffeinfreien Kaffee? Kein
Problem. Und wer Lebensmittel, anders als derzeit
von der Natur vorgesehen, konsumieren möchte,
greift zur Gentechnik. Jetzt geht es dem Tabak
mit einer neuen Methode an den Kragen.

Drei Jahre lang haben Wissenschaftler der TU
Dortmund geforscht, herausgekommen ist eine
Tabakpflanze, die statt den üblichen 16
Milligramm nur noch 0,04 Milligramm Nikotin
enthält – das liegt unter der Nachweisgrenze.
Hier wurde eine sogenannte Genschere eingesetzt,
abgekürzt „Crispr“, mit der man die DNS gezielt
schneiden und verändern kann, Gene werden
eingefügt, entfernt oder ausgeschaltet. Die
Schnitte der Genschere im Erbgut der Pflanzen
seien nicht von Züchtungen zu unterscheiden,
darin bestehe der Unterschied zur klassischen
Gentechnik, so die Meinung der
Grundlagenforscher. Der Europäische Gerichtshof
(EuGH) allerdings hatte schon 2018 entschieden,
dass „Crispr“ sehr wohl Gentechnik sei und
gekennzeichnet werden müsse. (Kennzeichnung
bedeutet Auflagen.) Die USA zum Beispiel sehen es
anders, dort gelten Crispr-veränderte Pflanzen
als Züchtung. Weil die Dortmunder Wissenschaftler
diese Genschere nach der Unterbrechung der
Nikotinproduktion wieder entfernten, sei nach
ihrem Verständnis die Pflanze gentechnik-frei.

Crispr“ ist
mannigfaltig
einsetzbar,
also überall
dort, wo an der
DNS
geschnibbelt
wird. Bereits
1987 entdeckte man die Existenz sich
wiederholender DNS-Abschnitte, seitdem arbeitet
sich auch die Molekularbiologie am Thema ab, um
irgendwann genetisch bedingte Erkrankungen beim
Menschen zu heilen. Und sollten bei Krebs
angeborene entartete Zellen der Grund für
Mutationen sein, könnte man die Genmutation
herausschneiden und den Krebszellen den Garaus
machen. So weit die Theorie. Praktisch durchsucht
„Crispr“ immer das komplette Genom nach der
gewünschten Sequenz, weil aber die Abfolge der
Basenpaare auch doppelt vorkommen, wird die
Schere auch hier schneiden, außerhalb des
Zielbereiches. Die klassische Gentechnik dagegen
ist vom Zufall abhängig wo genau sich das neue,
zusätzliche Gen integriert und „unwissentlich“
andere Funktionen beeinträchtigt. So ein Risiko
zufälliger oder unbeabsichtigter Veränderungen
gibt es bei editierten Pflanzen kaum. Zwar könnte
„Crispr“ an einer falschen Stelle schneiden, doch
solche Effekte sind selten und gut zu
identifizieren. Tatsächlich werden die
erforderlichen Crispr-Werkzeuge meist mit
gentechnischen Verfahren in eine Zelle
eingeführt. Wenn sie jedoch ihren Zweck erfüllt
und die beabsichtigte Mutation ausgelöst haben,
werden sie nicht mehr benötigt und aus der Zelle
entsorgt.

Ob die Auflagen des EuGH der Tabakpflanze der TU
Dortmund in Europa ein Dasein bescheren, ist
zweifelhaft, schließlich lassen sich Cannabis
ohne THC, Cokablätter ohne Alkaloide und Sex ohne
Orgasmus auch nicht durchsetzen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.