Der Handtuchkrieg

Bekannt wurde dieser Sunbed-War durch den
interkulturellen Konflikt zwischen Briten und
Deutschen auf spanischem Boden: Mallorca. Weil
die Deutschen gerne im Urlaub früh aufstehen, was
den Briten, so das Klischee, schwerer fällt,
nutzen sie den zeitlichen Vorsprung, um sich noch
vor dem Frühstück die besten Liegen am Pool zu
sichern. Seitdem muss der Deutsche mit dem Ruf
einer „Handtuch-Brigade“ leben.

Vor ungefähr 30 Jahren, mit Beginn des
Massentourismus, stürmten Deutsche und Briten im
Verhältnis 35% gegen 25% meist spanische
Hotelanlagen, und schufen sich im Gedränge ihr
eigenes Territorium – wo der eine länger schlief,
markierte der andere seinen Bereich: die Liege.
Doch anfangs sollt hier nicht ein Besitzanspruch
geltend gemacht werden, sondern die Möglichkeit,
den anderen auf Abstand zu halten. Aber wie es
mit jeder netten Entwicklung ist, die medial<
stark verbreitet und verzerrt wird, sie
stilisiert sich zum Mythos. Schon kursierte der
sogenannte Kurzbesitz, der dem Gast das Recht
gab, bereits morgens eine Sonnenliege zu
markieren, gerne mit einem Handtuch, einer Socke
oder gar einem aufgeschlagenem Buch. Das
suggeriert außerdem, das man nur kurz weg ist.
Aber so ein Recht existiert nicht.

Dieses Phänomen hat sich längst auf
Kreuzfahrtschiffe und komplette Strände
ausgeweitet, quasi weltweit, und längst ist es
nicht nur der Deutsche und das Handtuch. Vor
einigen Jahren machte eine Aktion der
italienischen Polizei Furore, die in der Nähe von
Livorno Liegestühle, Sonnenschirme, Handtücher
und Badebekleidung konfiszierte, die am Vorabend
dort, zwecks Platzreservierung, deponiert worden
waren. Die Reedereien der Kreuzfahrtschiffe
gingen neue Wege, nun bekamen belegte aber
unbenutzte Liegestühle ein Knöllchen, wer
innerhalb 40 Minuten nicht auf seinem Ruhemöbel
hockte, dessen Habseligkeiten wurden weggeräumt.
Anderswo erhebt man einen Pfand auf Pool-Handtücher.
Soziologisch betrachtet ist der Mensch während
des Urlaubs nicht bereit, auf komplizierten
Ebenen miteinander zu kommunizieren. Mit der
Bezahlung des Urlaubs geht eine Art all
inclusive-Mentalität einher, dazu gehört auch ein
Liegestuhl, und wer ihn sich erobert hat, gibt
ihn nicht mehr her.

Wissenschaftlich spricht man vom
Gefangenendilemma mit mehreren Personen. Statt
nur zwei Gefangene, sind nun viele Gäste im
Dilemma, die sich weniger Liegen teilen müssen.
Rechnerisch ist es besser, keine Reservierungen
vorzunehmen, dann ist die Wahrscheinlichkeit
größer, einen freien Platz zu finden. Gehen
jedoch einige Personen dazu über Handtücher
auszulegen, ist nur diesen ein Platz sicher,
während bei den anderen die Wahrscheinlichkeit
auf eine freie Liege sinkt. Ein
sozialwissenschaftliches Modell, ebenfalls
anwendbar, nennt sich Tragödie des Allgemeinguts,
nach dem frei verfügbare, aber begrenzte
Ressourcen ineffizient und übernutzt werden, und
dadurch bedroht sind. Was auch den Nutzer selbst
gefährdet.
Der Soziologe Heinrich Popitz sieht den Grund,
warum eine Minderheit ihren Besitzanspruch gegen
eine Mehrheit durchsetzen kann, wie folgt:
„Erstens würden die Liegestuhlbesitzer eine
überlegene Organisationsfähigkeit vermitteln, und
zweitens würde sich durch den fehlenden
Widerstand der anderen das Gefühl der Besitzer
verstärken, im Recht zu sein.“

2002, als bei der Fußballweltmeisterschaft die
Deutschen ins Finale einzogen, kommentierte ein
britischer Fernsehreporter süffisant: Die
Deutschen haben bereits ihre Handtücher für das
Finale hingelegt.

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