Das Schicksal des Le Gentil

Guillaume Joseph Hyacinthe Jean-Baptiste Le Gentil de la Galaisière, kurz Le Gentil genannt, wusste zum Zeitpunkt seiner Geburt, am 12. September 1725, noch nicht, dass er eine astronomische Laufbahn einschlagen, und diese von einer Abfolge des Scheiterns begleitet sein wird. Doch bis zu seinem 36. Lebensjahr blieb ihm das Pech fern, im Gegenteil, er wurde Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften und gedieh prächtig.

Die Astronomie entwuchs langsam ihren Kinderschuhen, seit Kepler kannte man die Gesetzmäßigkeit der Planetenbahnen um die Sonne, und er berechnete, allerdings ungenau, den Venustransit für das Jahr 1631 voraus. Weil es aber nicht von Europa aus zu beobachten war, plus der Ungenauigkeit, wurden seine Daten zur Seite geschoben. Außerdem starb Kepler schon 1630. Jeremia Horrocks korrigierte die Schlamperei 1639. Ein Venustransit passiert nicht alle Tage, mit Glück kann man so ein Ereignis in einem Menschenleben ein- oder zweimal observieren, je nach dem, denn es tritt in 243 Jahren nur viermal auf. Im Jahr 1761 war es wieder soweit. 1769 ebenfalls. Erst 1874 erfolgte der nächste Durchlauf. Und wer 2012 verpasst hat, wird 2117 nicht erleben.

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Die französische Akademie beschäftigte sich gerade mit der Frage, wie weit die Sonne von der Erde entfernt ist, und wollte den Venustransit 1761, anhand der Parallaxe, zur Lösung nutzen. Sie schickte Astronomen in die weite Welt, und der Ehrgeiz war hoch. Le Gentil packte seine Instrumente zusammen, fand ein Schiff, das ihn nach Pondicherry/Indien bringen sollte, um das Jahrhundertevent zu dokumentieren, und wurde Opfer einer tragischen Unglückskette. Während Le Gentil auf hoher See vermutlich heißen Tee trank, tobte in Europa der Siebenjährige Krieg. Auch die Kolonien blieben nicht davor verschont; dummerweise verschoben sich die Machtbereiche gerade in Indien. Pondicherry fiel just an die Briten, als der französische Astronom eintraf. Le Gentil wurde nicht gestattet an Land zu gehen, also musste er mit dem Vorlieb nehmen, was er hatte, nämlich ein wackelndes Schiff. So wurde es nichts, die Messungen taugten nichts. Was ihn dazu bewog, lange acht Jahre quasi vor Ort bis auf die nächste Venuspassage zu warten, mag seinem Ehrgeiz anzukreiden sein. Le Gentil trieb sich viele Jahre auf Madagaskar rum und beschloss dann, die Venus 1769 in Manila zu studieren, doch die Philippinen waren Teil der Spanischen Krone, und sie verbot ihm den Landgang. Nichtsdestotrotz reichte die Zeit zurück nach Pondicherry – die Stadt war wieder in französischer Hand. Der 3. Juni 1769 begann aufgelockert, mit klarem Himmel. Doch im Juni fängt auch der Monsun an, und ehe Le Gentil richtig gucken konnte, braute sich über ihm eine dunkle Suppe zusammen. Es gab nichts zu sehen.

Die Jahre verschleudert, auf dem Ruhmesweg heftig ausgerutscht, muss Le Gentil wohl gedacht haben. Frustriert suchte er nach einem Schiff in die Heimat. Während der gescheiterte Astronom wartete, erwischte ihn die Ruhr und trieb ihn tagelang zwischen Klo und Bett umher. Als endlich eine französische Galeere ablegte, geriet sie im Arabischen Meer in stürmische Gewässer, und musste auf Reunion verschrottet werden. Nach wochenlangem Ausharren zeigte der Zufall Ironie: ausgerechnet ein spanisches Schiff brachte ihn schließlich heim. Oktober 1771, 11 Jahre später, betritt Le Gentil wieder den Boden von Paris. Damit könnte die Tragik seiner Geschichte, nämlich der wissenschaftliche Misserfolg, ein sanftes Ende finden, aber das Leben ist auch in Paris weitergegangen, seine Familie hatte Fakten gegen die Ungewissheit geschaffen, (hier muss spekuliert werden, ob er schreibfaul war), und ihn für tot erklären lassen. Vermögen und Besitz wurde unter den Erben hübsch aufgeteilt. Blieb ihm wenigstens die Akademie der Wissenschaften erhalten? Nein, der Job wurde anderweitig vergeben. Heute erinnert ein Mondkrater an ihn.

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