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Freiheit

 

 

 

 

 

Freiheit ist nur ein anderes Wort für Anarchie,
ein Synonym dafür, dass man nichts
zu verlieren hat, bzw. nichts besitzt,
frei sein ist eine Lüge,
süß und prickelnd wie billiger Schaumwein
zum Frühstück, gepanscht aus un- und überreifen
Trauben, versetzt mit Kohlensäure und abgefüllt
in Trier, und falls deine Frau damit
einverstanden
ist, dass du billigen Wein trinkst, schön,
aber wenn sie etwas dagegen hat, wird sie
sagen: Komm schon, sei frei, bleib weg von mir,
die Welt hat viele Länder und noch mehr Orte.

Das hörst du dir ein paar Tage an und bist
ein bisschen asozial, ein bisschen höflich und
bleibst auf Distanz. Vielleicht wird sie durch
einen inneren Zwang dazu genötigt mitzutrinken,
bis sie irgendwann
die Klobrille vollkotzt und nach jemandem
Ausschau hält, der Spitzenweine serviert.
Wenn die Frau weg ist, steht dir alles Mögliche offen,
zum Beispiel auf Wodka umzusteigen,
abstinent oder katholisch zu werden.
Nimm dir die Freiheit, obwohl sie nur ein
Wimpernschlag ist, eine
chemische Reaktion im Großhirn, und letztendlich
nicht mehr bedeutet – schon gar nicht weniger –
als der nächste Zwang, dem man nachgibt.

Sie

In der Erinnerung lacht sie mich noch
an, eher versteckt und verstohlen,
und manchmal schlägt sie
mir urplötzlich ins Gesicht,
rammt mir ein Messer in den Rücken
und hält das Gedächtnis wach,
aber ich bin längst zu alt,
um den vergangenen Schmerz zu spüren.

Manchmal küsst sie mich für eine
sehr kurze Zeit,
wie ein warmer Regen oder ein kaltes
Bier im Sommer, wie ein Reflex,
doch der Winter steht bevor
und sie lässt sich immer seltener blicken,
Die Liebe,
wenn der Schnee pfeifend über
die frischen Gräber peitscht.

 

 

Es gibt Tage, da bin ich nicht in der Lage

Manchmal klingelt alles zur gleichen Zeit:
Das Handy und das Festnetz-Telefon
polyphon
und die Stimme im Kopf schreit:
Kalkulationstabellen, Präsentationsvorlagen,
I-Pad, Terminkalender.

Espresso, Zigaretten,
Aspirintabletten.

Ich verlasse die Konferenz ohne ein Wort,
gehe zu einem stillen Ort,
bin für Minuten nicht in der Lage,
und die verdutzten Kerle denken:
Die Alte hat ihre Tage.

 

Ein langweiliger Morgen

Stilles Wasser der Marke Apollinaris
auf dem Konferenztisch.
Ein Mann im Armani-Anzug,
Rasierwasserduft undefinierbar,
sein Schlips hängt fast in meinem
Dekolletee
als er sich runterbeugt und den Finger
auf den wunden Punkt der
Erhebungsgrafik legt.
Ich schlage die Beine übereinander
und erkläre nüchtern den Umstand,
warum das Bundesland Schleswig-Holstein
Strukturmängel aufweist.
Er ist verheiratet und trinkt den Kaffee
mit Milch und Zucker.
Ich mag ihn lieber schwarz.